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Beethoven-Haus Bonn präsentiert ein Bild und erzählt seine Geschichte
Bonn, 28.11. 2007
Kaum ein Musiker wurde ähnlich oft von
bildenden Künstlern dargestellt wie Ludwig van Beethoven. Dass der Komponist
heute zu einer Art "kultureller Ikone" geworden ist, hat auch mit dem
außerordentlichen Interesse der Bildhauer, Maler und Graphiker zu tun. Eines
der prägendsten Porträts ist das Gemälde von August von Kloeber, das bis 4.
Mai 2008 im Mittelpunkt einer Sonderausstellung im Beethoven-Haus in Bonn
steht.
Üppiges,
wild bewegtes Haar, der ernste und sehr energische Gesichtsausdruck sowie
der in die Ferne gerichtete Blick - das sind die anscheinend eindeutigen
Charakteristika, die Beethoven bis heute immer erkennbar machen. Im
Geburtshaus des Komponisten in der Bonngasse werden anhand originaler
Dokumente und Zeichnungen die Entstehungsgeschichte des Kloeber-Bildes und
seiner verschiedenen Fassungen dokumentiert. Zusätzlich präsentiert die
Ausstellung eine Auswahl aus der großen Gruppe der Bilder und Objekte, die
Kloebers Porträt weiterverwenden.
Ergänzend zur Ausstellung bietet das Beethoven-Haus zwei Veranstaltungen an.
Am Donnerstag, 24. Januar, spricht Dr. Silke Bettermann unter dem Motto „Von
Göttern, Musen und Heiligen" über August von Kloeber und die deutsche
Historienmalerei zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Am Donnerstag, 10. April,
wird bei einem Ballettabend „Beethoven in altem und neuem Gewand"
präsentiert. Beginn ist jeweils um 19.30 Uhr. In den Osterferien bietet das
Museum vom 17. bis 20. März einen Workshop für Kinder ab zehn Jahren an.
Wo der Tresor zur Krypta wird
Sammeln, forschen, präsentieren: Das „Gesamtkunstwerk“ Bonner Beethoven-Haus
ist ein Kulturinstitut der besonderen Art
Von Lothar Schmidt-Mühlisch
Bonn, 8.2.2006 - Als die Frau des amtierenden Bundespräsidenten, Eva Luise Köhler,
unlängst dem Bonner Beethoven-Haus einen Besuch abstattete, bedachte sie,
sichtlich beeindruckt, die Mitarbeiter des renommierten Kulturinstituts mit
einem ungewöhnlichen, fast neidvollen Kompliment: „Sie müssen sehr glücklich
sein, mit einem solchen Erbe täglich umgehen zu dürfen.“

Von diesem Glück verrät das bescheidene, schmale Häuschen Bonngasse 20
äußerlich wenig. Mit seinen bescheidenen zwei Stockwerken, der
nachgedunkelten altrosa Fassade, den winzigen Kassettenfensterchen nebst
olivgrünen Läden duckt es sich eher zurückhaltend mitten im Bonner
Stadtzentrum zwischen die umliegenden Geschäfte. Das ständige Kommen und
Gehen der Besucher, das dauernde Klicken der Fotoapparate
erinnerungssüchtiger Touristen, die das Objekt für eine relative Ewigkeit
festzuhalten versuchen, sind da schon eher ein Hinweis, dass es mit diesem
historischen Bau aus dem Jahr 1700 eine besondere Bewandtnis haben muss.
Hier nämlich – die Immobilie trug damals die Nummer 515 - wurde im
Hinterhaus am 16. oder 17. Dezember (Tauftag) des Jahres 1770 Ludwig van
Beethoven geboren. Bei ihrer Heirat im Jahre 1767 hatten die Eltern des
Komponisten an diesem Ort eine Wohnung gefunden. Aber schon wenige Jahre
später - Beethoven war gerade vier Jahre alt – war die Familie zu groß
geworden und zog in die Rheingasse um. Das Haus in der Bonngasse verfiel.
Und bald konnte sich kaum noch einer daran erinnern, dass hier eines der
größten Genies der Musikgeschichte das Licht der Welt erblickt hatte. Ende
der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts schließlich stand das Gebäude, das vom
Volksmund nur noch verächtlich „Tingeltangel“ geschimpft wurde, zum Verkauf
und war vom Abriss bedroht.
Die Geburtsstunde für das heutige angesehene Kulturinstitut schlug am 24.
Februar 1889. Zwölf angesehene Bonner Bürger versammelten sich im Hause des
Zeitungsverlegers Hermann Neusser zur Gründung des „Vereins Beethoven-Haus“.
Für 47.000 Mark kauften sie das Gebäude, renovierten es und bauten es zu
einer Gedenkstätte aus. Ein Aufruf an alle Verehrer Beethovens weit über die
Grenzen Bonns hinaus brachte die nötigen Mittel zusammen. Schon 1896 zählte
der Verein unter der Leitung des berühmten Geigers Joseph Joachim 500
Mitglieder. Ein Kammermusikfest, das alle zwei Jahre die besten Musiker der
Zeit ehrenamtlich vereinte, brachte nicht nur das erforderliche Geld in die
Kassen, sondern trug auch wesentlich dazu bei, bislang vernachlässigte
Kompositionen des Meisters im Repertoire der Zeit durchzusetzen. Sogar
Kaiser Wilhelm II war von den Bonner Aktivitäten so beeindruckt, dass er dem
Haus herausragende Exponate wie Beethovens Streichquartett-Instrumente, das
Portrait aus der Hand von Ferdinand Schimon von 1819
und die Hörinstrumente des Meisters zur Verfügung stellte.

Die Erfolgsgeschichte des Vereins Beethoven-Haus ist beeindruckend, trugen
doch seine Mitglieder systematisch und zielstrebig zu einer kontinuierlichen
Erweiterung der Aufgaben und Ziele des Hauses bei. Die Gründer des Vereins
konnten freilich auch nicht im Entferntesten voraussehen, welche Leistungen
sich dereinst das Beethoven-Haus aufbürden würde: Sammeln, erforschen,
verlegen, präsentieren und musizieren - heute bleibt eigentlich kein Bereich
der Auseinandersetzung mit Ludwig van Beethoven ausgespart. Die „FAZ“ hat
das Geburtshaus des Komponisten und die dazugehörigen Aktivitäten einmal
bildhaft und treffend als „Gesamtkunstwerk“ beschrieben.
Im Jahr 1989, pünktlich zum 100. Geburtstag des Vereins, wurde zwei Häuser
weiter der neue Kammermusiksaal eröffnet, 200 Besuchern Platz bietend und
nach dem Urteil von Fachleuten einer der architektonisch schönsten und
akustisch besten Säle seiner Art. Rund 40 Kammerkonzerte bieten zahlreiche
unkonventionelle Programme. International renommierte Künstler und namhafte
jüngere Solisten bringen einerseits das klassische Kammermusik-Repertoire zu
Gehör oder lassen weniger bekannte Werke Beethovens und seiner Zeitgenossen
mit Originalinstrumenten des 18. und frühen 19. Jahrhunderts erklingen. Sie
spielen andererseits aber auch Auftragskompositionen, die sich mit Beethoven
auseinandersetzen. Es gibt außerdem eine Jazz-Reihe, „Lange Nächte“ und
Konzerte für Kinder. Die alte Tradition des Hauses, die schon erwähnten
Kammermusikfeste, wird so in zeitgemässer Weise fortgesetzt. Was man in den
anderen Abteilungen erforscht und entdeckt, sammelt und herausgibt - in den
Konzerten erlebt das Publikum sozusagen sinnlich die Tätigkeiten des Hauses.
Symbolisches Credo: Das Podium des Kammermusiksaales befindet sich genau
über dem Tresorraum für die Autographen. Der Direktor des Beethoven-Hauses,
Professor Andreas Eckhardt, hat das einmal sehr beziehungsreich als Metapher
formuliert: „Der Tresorraum wird zur Krypta.“
Womit man direkt bei einer
der Haupttätigkeiten des Hauses wäre: dem Sammeln. Schon rein statistisch
des Staunens wert: Über 1000 Originalhandschriften, ca. 700 Briefe von und
an Beethoven, 3000 kunsthistorische Objekte - Bilder, Büsten,
Musikinstrumente, Möbel -, Erinnerungsstücke und Requisiten aus Beethovens
Alltag sind hier zusammengetragen worden. Allein drei Viertel aller
authentischen Beethoven-Portraits darf man in Bonn inzwischen bewundern,
darunter zum Beispiel das wohl bekannteste Gemälde aus dem Jahr 1820 von
Joseph Karl Stieler. Allein mit der Stiftung der Sammlung des Schweizer
Arztes Hans Conrad Bodmer aus dem Jahr 1956 verdreifachte sich die Zahl der
in Bonn gehüteten Stücke. Dazu gehörten zum Beispiel die Originale der
Waldstein-Sonate und des letzten Streichquartetts, das Beethoven noch
vollenden konnte. In dem schon erwähnten Neubau nebenan hat die Sammlung
auch endlich konservatorisch und klimatisch angemessene Räume gefunden.
Natürlich kann nur ein Bruchteil der Sammelstücke der Öffentlichkeit
präsentiert werden. Über 90.000 Besucher, zwei Drittel davon aus dem
Ausland, strömen jährlich in Beethovens Geburtshaus. Seit in den Jahren 1995
und 1996 das Museum neu gestaltet wurde, erleben diese Besucher Beethoven
sozusagen authentisch. Es wurde alles entfernt, was nur zufällig dorthin
geraten war. Beethoven pur, könnte man sagen. Und dazu gehören so
einzigartige Stücke wie die „Dienstbratsche“ des Meisters aus seiner Bonner
Zeit und seine Geige sowie ein Broadwood-Hammerflügel aus dem Jahr 1817
(baugleich mit Beethovens eigenem). Aber all diese Instrumente bekommt das
Publikum nicht nur als optischen Sinneseindruck geboten - das Beethoven-Haus
versteht sich eben auch als „Museum musicum“. Anne-Sophie Mutter hat
Beethovens Geige in einem Benefiz-Konzert im Jahr 2002 erstmals wieder zum
Klingen gebracht. Zudem ist das Museum seit einigen Jahren dazu
übergegangen, die Dauerausstellung durch zahlreiche Sonderpräsentationen zu
ergänzen und zu beleben: Beethovens Zeit, seine Zeitgenossen und seine
Wirkungen - eben das Gesamtkunstwerk Beethoven wird immer wieder akustisch
und optisch anschaulich gemacht. Dass dabei sogar moderne bildende Kunst im
Programm auftaucht, spricht für die perspektivische Weitsicht der
Mitarbeiter des Hauses.
Eine der wesentlichen Grundlagen dieser praktischen Beethoven-Vermittlung
ist natürlich die theoretische, also wissenschaftliche Auseinandersetzung
mit seinem Werk, und hier zuvörderst die kritische Gesamtausgabe aller
seiner Kompositionen. Beethoven selbst hat sie sich immer gewünscht, aber
trotz mehrerer Ansätze ist sie nicht so recht zustande gekommen. Doch in
Bonn gibt es Hoffnung. Es dauerte fast ein ganzes Jahrhundert, bis man sich
im Bonner Beethoven-Haus 1959 entschloss, sich dieser Aufgabe systematisch
zu stellen. Seitdem aber ist man kontinuierlich am Werk, und die Ausgabe
erscheint Stück für Stück beim Henle-Verlag in München.
Die Herausgabe gleicht einer Sisyphusarbeit. Manchmal dauert die
Beschäftigung mit einem einzigen Werk mehrere Jahre. Bisher sind immerhin
schon mehr als die Hälfte der geplanten 56 Bände erschienen. Trotz guter
Fortschritte sieht der langjährige Editionsleiter Ernst Herttrich (er
scheidet Ende September 2006 aus und wird von Bernhard Appel abgelöst) mit
seinen drei hauptamtlichen Mitstreitern noch etwa zehn Jahre Arbeit voraus,
zumal wesentliche Blöcke wie die meisten Symphonien noch nicht publiziert
worden sind. Arbeitsaufwendig gestalten sich vor allem die
wissenschaftlich-kritischen Begleithefte auch deswegen, weil man sich zu
deren Herausgabe erst später entschloss - zu einem Zeitpunkt, als viele der
ursprünglichen Editoren längst pensioniert oder bereits tot waren - , so
dass deren Entscheidungswege heute oft kaum noch nachzuvollziehen sind.
Ausgefuchste Beethoven-Fans dürfen sich allerdings schon auf eine neue
Überraschung freuen. Bei der Publikation des Oratoriums „Christus am
Ölberge“, die unmittelbar bevorsteht, ist es gelungen, den ursprünglichen
Text wiederherzustellen, der in der ersten Ausgabe, zum Teil gegen
Beethovens Willen, zum Teil mit seinem abgenötigten Einverständnis, geändert
worden war.
Aber zur Auseinandersetzung mit dem Werk des Komponisten gehören natürlich
auch Forschungen zu seiner Biographie, zur Rezeptionsgeschichte und zu der
veränderten Aufführungspraxis seiner Kompositionen. Zu deren Publikation war
es sinnvoll, im Beethoven-Haus einen eigenen Verlag anzusiedeln, dessen
Katalog inzwischen über einhundert Titel umfasst. Hier publiziert man nicht
nur die ungewöhnlich zahlreichen Skizzen und Entwürfe des Meisters. Man gibt
auch Faksimile-Drucke erhaltener Handschriften, Monographien,
Dissertationen, Studien, Ausstellungskataloge, pädagogische Arbeiten und
Bildbände heraus, die das Interesse außerhalb der Fachwelt wecken möchten.
Erst unlängst erregte der hauseigene Verlag wieder die Aufmerksamkeit einer
breiteren Öffentlichkeit, als man die Aufzeichnungen des Bäckermeisters
Fischer, in dessen Hause Beethoven einen großen Teil seiner Jugend
verbrachte, in einer überarbeiteten Form publizierte, die auch für den
normalen Leser verständlich und nachvollziehbar ist.
Grundlage all dieser Auseinandersetzungen ist natürlich das
Beethoven-Archiv. Es stellt das eigentliche Forschungsinstitut des
Beethoven-Hauses dar. 1927 vom damaligen Ordinarius für Musikgeschichte an
der Bonner Universität, Ludwig Schiedermair, begründet, enthält die
Bibliothek des Archivs inzwischen 30.000 Bücher und Aufsätze, 25.000
Notendokumente, 11.000 Fotokopien und Mikrofilme von Beethovenquellen und
1.500 Tonträger. Hier wird auch die wissenschaftlich-kritische Gesamtausgabe
betreut. Und Beethovens Briefwechsel, der inzwischen in sechs Bänden 2.300
Briefe umfasst, dürfte mit dem 1998 erschienenen Registerband und dem
geplanten Band vermischter biographischer Schriften zum Abschluss gelangen.
Eine intensive Beratungs- und Vortragstätigkeit wendet sich heute intensiver
denn je an die Öffentlichkeit, um die musikalische Praxis der Beethoven-
Rezeption den veränderten Bedingungen des Musiklebens anzupassen.
Im Bonner Beethoven-Haus hält man nicht viel von staubtrockener
Selbstdarstellung und Zurückgezogenheit: „Wir sind kein Elfenbeinturm!“ Mit
der Eröffnung des digitalen Beethoven-Hauses im Gebäude des benachbarten
Gasthofs „Zum Mohren“ hat man sozusagen der Vergangenheit einen Weg in die
Zukunft geöffnet. An Computer-Arbeitsplätzen werden im Internet Einsichten
in all die Originale gewährt, die vor Licht geschützt, klimatisiert und
staubfrei hinter Schloss und Riegel liegen. Die Digitalisierung von 6.000
Objekten mit 26.000 Seiten eröffnet dem Publikum einen lebendigen Blick
hinter die Kulissen. Eine virtuelle Welt mit Leben und Werk Ludwig van
Beethovens führt den Besucher dreidimensional zurück in die Vergangenheit.
Im Gewölbekeller des „Mohren“ kann man eintauchen in die Vergänglichkeit und
die Prozesse des Neuerwerbs eines Werkes, dessen Vielfalt erst richtig mit
den technischen Voraussetzungen der Moderne erfahrbar gemacht werden kann.
Eva Luise Köhler hat eben auch in einem weiteren Sinne sehr Recht, wenn sie
das Glück der Erben beschwört. Man könnte auch Goethe zitieren: „Was du
ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen!“
Der Liebe und des Geistes wegen
Anmerkungen zur Jubiläumsausstellung der Beethovensammlung von Hans Conrad
Bodmer in Bonn
Von Lothar Schmidt-Mühlisch
Bonn,18.8.06 - War sie die „Unsterbliche Geliebte“, der Ludwig van Beethoven
ein so unvergleichliches musikalisches Denkmal gesetzt hat? Sicher ist das
auch heute nicht. Aber seine Gefühle für jene Gräfin Josephine Deym, der der
Komponist in den Jahren 1804 bis 1809 mindestens dreizehn Liebesbriefe
geschrieben hat, war unzweifelhaft ein ebenso leidenschaftlicher wie
tragischer Höhepunkt seines Lebens: „Wie oft habe ich, geliebte J., mit mir
selbst gekämpft, um das Verbot, welches ich mir auferlegte, nicht zu
überschreiten – aber es ist vergebens. Tausend Stimmen flüstern mir immer
zu, daß sie meine einzige Freundin meine einzige Geliebte sind.“
Als diese Briefe im Jahre 1949 den Weg in die Öffentlichkeit fanden, galten
sie als Sensation, glaubte man doch, dass man mit der Witwe, die zur Zeit
des Briefwechsels vier kleine Kinder großzuziehen hatte und sich wohl
deswegen dem Werben Beethovens verweigerte, des Rätsels Lösung gefunden zu
haben. Und obwohl dem dann doch nicht so war, geben die Briefe einen
faszinierenden Einblick in das Seelenleben des sonst eher verschlossenen
Komponisten.
Zu danken hat diesen Umstand die Öffentlichkeit einem reichen wie gebildeten
Schweizer: Hans Conrad Bodmer (1891-1956), Musikwissenschaftler und
Mediziner, Mitglied einer der angesehensten und ältesten Familien in Zürich,
war geradezu besessen von der Idee, Beethovens Leben und Werk nicht nur
musikalisch der Nachwelt zugänglich zu machen, sondern auch den Meister
persönlich in seiner ganzen Daseinsfülle dem Publikum nahe zu bringen. Als
Bodmer 1956 starb, hatte er die größte private Beethovensammlung
zusammengetragen, die es je gab und deren Wert, geschätzt auf einen
dreistelligen Millionenbetrag, schon rein finanziell alles Fassbare
überstieg. Er hinterließ dieses Werk – auch das ein unglaublicher Glücksfall
– dem Bonner Beethoven-Haus, weil er hier drei Dinge aufs Trefflichste
vereint sah: Wissenschaftliche Erforschung, konservatorische Sicherung und
umfassende Präsentation. Mit dem Erbe Bodmers verdreifachte sich auf einen
Schlag der Umfang der Bonner Sammlung. Dass dieses Erbe, ergänzt durch
einige ausgewählte Neuanschaffungen, nun in einer Jubiläums-Ausstellung zum 50.
Todestag des großen Mäzens im Beethovenhaus zu sehen ist, ist nicht nur eine
Geste des Dankes, sondern auch eine neue Gelegenheit, dem Publikum bis zum
3. September einen aktualisierten Einblick in das Leben und Werk Beethovens
zu geben.
Wie schon durch die dreizehn erwähnten Liebesbriefe schärft die Präsentation
die Konturen des Menschen Beethoven wie den Blick auf seine kompositorische
Arbeitsweise und seine Wirkungsgeschichte. Schlaglichtartig, manchmal mit
einem Zug ins Komische, wird uns zum Beispiel Beethovens cholerisches Wesen
anschaulich. So etwa mit einem Brief an die Klavierbauerin Nannette
Streicher, in dem er sich über die Nachlässigkeit seines Hauspersonals
beklagt: „Gestern Morgen giengen die Teufeleyen wieder an, ich machte kurzen
spaß u. warf der B. (das Küchenmädchen Baber) meinen schweren sessel am
bette auf den Leib, dafür hatte ich den ganzen Tag ruhe.“ Noch drastischer
klingt sein Zorn zu uns herüber, wenn er auf dem Rande einer
Musikzeitschrift über einen Kritiker vermerkt: „Ach du erbärmlicher Schuft,
was ich scheiße ist besser, als was du je gedacht.“ Fast die Hälfte aller
originalen Briefe Beethovens hat Bodmer zusammengetragen: Unvergleichliche
Chance zu einem umfassenden Persönlichkeitsbild.
Der Mensch Beethoven – auch mit zahllosen Gemälden, Zeichnungen, Skizzen
gerät er dank dieser grandiosen Sammlung schärfer in den Focus unserer
Wahrnehmung: Der Meister beim Komponieren, auf dem Spaziergang, den
Wanderstab schwingend wie einen Taktstock. Oder das Mobiliar und die
Gebrauchsgegenstände aus dem persönlichen Besitz des Komponisten sowie
regelrechte Reliquien wie jene Locke, die sich der Bonner Musikverleger
Peter Joseph Simrock bei seinem Wienbesuch 1816 erbat. Anmutung und
Authentizität: der Schreibtisch (Bodmer erwarb ihn von den Erben Stefan
Zweigs), das Klappschreibpult, die Geldkassette, der Kompass.
Zu den erlesensten musikgeschichtlichen Objekten der Bodmer-Ausstellung
zählt ohne Zweifel Beethovens eigenhändige Niederschrift der
„Waldstein-Sonate” op.53. Diese Sonate ist dem Bonner Jugendfreund und
Förderer Graf Waldstein gewidmet und gibt zahlreiche Hinweise auf den
kompositorischen Entwicklungsprozess. Ein weiterer Höhepunkt der Sammlung
dürfte ein großes Skizzenbuch aus dem Jahre 1819/1820 sein, das einst Felix
Mendelssohn-Bartholdy gehörte. Für viele steht wohl auch Beethovens
Auseinandersetzung mit Johann Sebastian Bach, zwei Studienabschriften,
obenan in ihrem Interesse. Immerhin hat Beethoven seinen Kollegen einen
„Urvater der Harmonie“ genannt. Solostimmen, Klavierauszüge, Entwürfe,
Abschriften und Erstdrucke machen die Sammlung Bodmer, wie ihre
Jubiläumsausstellung jetzt wieder belegt, zu einer wahren Fundgrube für
Beethovenverehrer. Mit der inzwischen weiter ergänzten Sammlung ist der
große Sohn der Stadt Bonn sozusagen heimgekehrt an den Ort, an dem alles
einmal anfing.
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